Gesunde Ernährung sollte keine Frage des Geldbeutels sein. Dennoch ist der Zugang zu einer ausgewogenen Ernährung für viele Menschen, auch in Deutschland als reichem Industrieland, keine Selbstverständlichkeit.
Steigende Lebensmittelpreise, geringe Einkommen, fehlende Zeit oder ungesunde Ernährungsumgebungen erschweren vielen Familien diesen Zugang.
Gemeinsam zu essen bedeutet weit mehr als satt zu werden – es schafft Begegnung, Teilhabe und Lebensqualität. Genau hier setzt das Projekt FoodConnectRuhr an. Zusammen mit zahlreichen Akteur*innen arbeiten wir in Dortmund daran, Gemeinschaftsverpflegung in Kitas, Schulen, Senior*innenheimen und weiteren Einrichtungen gesünder, nachhaltiger und für alle zugänglich zu gestalten. Doch warum spielt Gemeinschaftsverpflegung bei der Bekämpfung von Ernährungsarmut überhaupt eine so wichtige Rolle?
Was ist Ernährungsarmut?
Ernährungsarmut bedeutet weit mehr als Hunger (BMLEH 2024). Sie beschreibt Situationen, in denen Menschen keinen dauerhaften Zugang zu einer gesundheitsfördernden und angemessenen Ernährung haben – sei es aus finanziellen, sozialen oder strukturellen Gründen. Dabei unterscheiden Fachleute zwischen zwei Formen (WBAE 2023):
- Materielle Ernährungsarmut: Das Einkommen reicht nicht aus, um regelmäßig gesunde und ausgewogene Lebensmittel zu kaufen.
- Soziale Ernährungsarmut: Menschen können nicht selbstverständlich an gemeinsamen Mahlzeiten oder anderen sozialen Anlässen rund ums Essen teilnehmen.

Essen erfüllt folglich viele Funktionen gleichzeitig: Es versorgt unseren Körper mit Energie und Nährstoffen, schafft Genuss und Erholung und verbindet Menschen miteinander. Wer sich ausgewogene Lebensmittel oder gemeinsame Mahlzeiten nicht leisten kann, erlebt häufig nicht nur gesundheitliche Nachteile, sondern auch soziale Ausgrenzung (Simmet et al. 2024).
Warum betrifft das Dortmund?
Wie groß Ernährungsarmut tatsächlich ist, lässt sich bislang nicht genau beziffern. In Deutschland wird Ernährungsarmut bisher noch nicht systematisch erfasst. Ein wichtiger Hinweis ist jedoch die Einkommensarmut, denn sie gilt als einer der größten Risikofaktoren (FÖS 2021).
In Dortmund ist mehr als jede fünfte Person armutsgefährdet (IT.NRW 2026). Gleichzeitig unterscheiden sich die Lebensbedingungen innerhalb der Stadt erheblich. Besonders deutlich wird dies beim Blick auf den Bezug von Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts: Während in einigen Sozialräumen nur wenige Menschen betroffen sind, lebt in anderen ein großer Teil der Bevölkerung mit sehr geringem Einkommen (Stadt Dortmund 2026). Besonders betroffen sind häufig Kinder und Jugendliche, Alleinerziehende, Familien mit geringem Einkommen, ältere Menschen mit niedrigen Renten, Menschen mit Flucht- oder Migrationsgeschichte sowie Personen mit gesundheitlichen Einschränkungen oder anderen besonderen Unterstützungsbedarfen (FÖS 2021).
Gerade Kinder tragen dabei ein besonders hohes Risiko. In manchen Dortmunder Sozialräumen lebt mehr als die Hälfte der Kinder unter 15 Jahren in Haushalten, die Grundsicherung beziehen (Stadt Dortmund 2026). Eine gute Ernährung ist jedoch eine wichtige Voraussetzung für gesundes Aufwachsen, Konzentration, Lernfähigkeit und Chancengleichheit.

Assoziationen von Teilnehmenden der Food Connect Ruhr Veranstaltung zum Thema Ernährungsarmut am 15.07.2026
Was sind die Ursachen für Ernährungsarmut?
Oft wird angenommen, Ernährungsarmut sei vor allem eine Frage des Ernährungswissens. Wissenschaftliche Studien zeigen jedoch ein anderes Bild. Entscheidend ist vor allem, wie leicht oder schwer gesunde Ernährung im Alltag zugänglich ist (WBAE 2020).
Neben dem Einkommen beeinflussen beispielsweise
- die Preise für Lebensmittel,
- das Angebot im Wohnumfeld,
- Zeit für Einkauf und Kochen,
- Mobilität,
- Küchenausstattung,
- familiäre Unterstützung sowie
- die Verfügbarkeit gesunder Verpflegungsangebote
die täglichen Ernährungsmöglichkeiten.
Unsere Ernährungsumgebungen machen es vielen Menschen derzeit nicht leicht: Hoch verarbeitete und energiereiche Lebensmittel sind nahezu überall verfügbar und häufig günstig, während frische und ausgewogene Lebensmittel oftmals teurer oder schlechter erreichbar sind. Hinzu kommen Zeitdruck, lange Arbeitswege oder fehlende Kochmöglichkeiten. Ernährungsarmut ist deshalb kein individuelles Versagen, sondern vor allem eine Folge gesellschaftlicher und struktureller Rahmenbedingungen (WBAE 2023).
Gemeinschaftsverpflegung als Teil der Lösung
Genau hier bietet Gemeinschaftsverpflegung große Chancen. Ob in Kitas, Schulen, Betrieben, Krankenhäusern oder Senior*inneneinrichtungen – überall dort, wo Menschen regelmäßig gemeinsam essen, können gesunde Mahlzeiten unabhängig vom Einkommen angeboten werden (WBAE 2020, 2023). Gleichzeitig entstehen Orte der Begegnung und sozialen Teilhabe.
Die Bedeutung dieses Handlungsfeldes wird auch an seiner Reichweite deutlich: Schätzungsweise 16 Millionen Menschen essen in Deutschland täglich in Einrichtungen der Gemeinschaftsverpflegung, darunter rund 6 Millionen Kinder und Jugendliche in Kitas und Schulen (BMLEH 2025). Auch in Dortmund spielt Gemeinschaftsverpflegung deshalb eine zentrale Rolle: In 334 Kitas, 91 Offenen Ganztagsschulen im Grund- und Förderschulbereich sowie 67 allgemeinbildenden Schulen, Berufs- und Weiterbildungskollegs prägen die täglichen Mahlzeiten nicht nur die Nährstoffversorgung, sondern auch Esskultur, Geschmack und Ernährungsgewohnheiten junger Menschen (Bury & Roehl 2026).
Gerade in Kitas und Schulen kann Gemeinschaftsverpflegung deshalb einen wichtigen Beitrag zur Bekämpfung von Ernährungsarmut leisten. Sie kann
- eine ausgewogene Mahlzeit für alle Kinder sichern,
- gesundheitliche Chancengleichheit fördern,
- Konzentration und Lernfähigkeit unterstützen,
- soziale Unterschiede abmildern und
- gemeinsames Essen als selbstverständlichen Bestandteil des Alltags stärken.
Darüber hinaus bietet Gemeinschaftsverpflegung die Chance, Gesundheit und Nachhaltigkeit miteinander zu verbinden. Werden saisonale, regionale und stärker pflanzenbasierte Speisen angeboten, profitieren nicht nur Klima und Umwelt. Häufig lassen sich dadurch sogar Kosten einsparen, sodass gesundes und nachhaltiges Essen nicht zwangsläufig teurer sein muss.
Was macht FoodConnectRuhr?
Im Projekt FoodConnectRuhr unterstützen wir Einrichtungen der Gemeinschaftsverpflegung dabei, ihre Angebote gesundheitsfördernder und nachhaltiger zu gestalten.
Dazu gehören unter anderem Beratungsangebote für Träger und Cateringunternehmen zur Weiterentwicklung der Verpflegungsqualität sowie der Ausbau regionaler Lieferketten. Gleichzeitig bringt das Projekt Akteur*innen aus Ernährung, Gesundheit, Bildung, dem sozialen Bereich, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zusammen, um gemeinsam Maßnahmen gegen Ernährungsarmut zu entwickeln. Denn Ernährungsarmut lässt sich nicht von einzelnen Einrichtungen oder Organisationen allein lösen. Sie erfordert die Zusammenarbeit vieler Akteur*innen und die Veränderung von Rahmenbedingungen, um allen Menschen einen einfachen Zugang zu guter Ernährung ermöglichen.
Gemeinsam für mehr Chancengleichheit
Die Erfahrungen aus Dortmund zeigen: Gemeinschaftsverpflegung kann weit mehr leisten als die Bereitstellung von Mahlzeiten. Sie kann Gesundheit fördern, soziale Teilhabe stärken und einen wichtigen Beitrag zu mehr Chancengleichheit leisten.
Mit FoodConnectRuhr arbeitet die Stadt Dortmund gemeinsam mit zahlreichen Partner*innen daran, dieses Potenzial noch besser zu nutzen – für ein Ernährungssystem, das gesund, nachhaltig und für alle zugänglich ist.
BMLEH (Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat) (2025). Gemeinschaftsverpflegung: Vielseitig essen in Kindertagesbetreuung, Schule und Kantine – Gemeinschaftsverpflegung verbessern. https://www.bmleh.de/DE/themen/ernaehrung/gemeinschaftsverpflegung/gemeinschaftsverpflegung_node.html
BMLEH (Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat) (2024). Gutes Essen für Deutschland. Ernährungsstrategie der Bundesregierung. Berlin. https://www.bmleh.de/SharedDocs/Downloads/DE/_Ernaehrung/ernaehrungsstrategie-kabinett.pdf
Bury, F. & Roehl, R. (2026). Gutachten: Gemeinschaftsverpflegung an Dortmunder Kindertagesstätten und Schulen. Im Auftrag der Stadt Dortmund. https://www.dortmund.de/dortmund/projekte/rathaus/verwaltung/umweltamt/downloads/klimaschutz/handlungsprogramm-klima-luft-2030/averdis_gutachten_final_ci-stadtdo-logo.pdf
FÖS (Forum für Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft) (2021). Ernährungsarmut: In Deutschland (k)ein Thema? Policy Brief. Berlin.
IT.NRW (11.05.2026). NRW: 3,2 Millionen Menschen waren 2025 armutsgefährdet. https://www.it.nrw/nrw-32-millionen-menschen-waren-2025-armutsgefaehrdet-128368
Simmet, A., Schleicher, R., Teut, M., Ehret, J., Hummel, G., Bschaden, A., Heinrich-Rohr, M. & Ströbele-Benschop, N. (2024). Die Ernährungs- und Gesundheitssituation armutsgefährdeter Familien mit minderjährigen Kindern – Ergebnisse der Studie MEGA_kids. In: Deutsche Gesellschaft für Ernährung (Hrsg.), 15. DGE-Ernährungsbericht. Bonn.
Stadt Dortmund (2026). Statistikatlas. https://statistikportal.dortmund.de/statistikatlas/
WBAE (Wissenschaftlicher Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz beim BMLEH) (2023). Ernährungsarmut unter Pandemiebedingungen. Stellungnahme. Berlin.
WBAE (Wissenschaftlicher Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz beim BMLEH) (2020). Politik für eine nachhaltigere Ernährung. Eine integrierte Ernährungspolitik entwickeln und faire Ernährungsumgebungen gestalten. Gutachten. Berlin.
