Nachbericht Deutscher Ernährungstag

Am 21. Mai 2026 fand in Berlin der Deutsche Ernährungstag statt, unter dem Motto “Lokal vernetzt – regionale Ernährung vor Ort aktiv mitgestalten”. Vor Ort kamen Vertreter*innen aus der Ernährungswirtschaft, Wissenschaft, Politik, Kommunen und Zivilgesellschaft zusammen, u.a. Ernährungsräte aus ganz Deutschland und weitere Aktive aus den Modellregionen-Projekten des BMLEH “Besser essen in der Region”.

Begrüßung durch Bundesminister für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat
Bundesminister Alois Rainer eröffnete den Tag. In seiner Rede betonte er die Außer-Haus-Versorgung als Hebel für ein zukunftsfähiges Ernährungssystem, benannte regionale Strukturen als wichtige Pfeiler der Versorgung und erwähnte Deutschland als positives Beispiel bei der Reduzierung der Lebensmittelverschwendung.

Regionalbewegung zu aktuellen Entwicklungen der regionalen Ernährungswirtschaft
Der Bundesverband der Regionalbewegung gab einen umfassenden Einblick in die strukturellen Veränderungen in der Lebensmittelerzeugung und -verarbeitung. Dabei wurde auch die Studie der Universität Freiburg zum „Strukturwandel in der Lebensmittelverarbeitung in Deutschland“ vorgestellt.
Als zentrale Herausforderungen für resiliente und vielfältige Versorgungsstrukturen wurden steigende Energiekosten, die zunehmende Monopolisierung und die hohe Preissensibilität der Verbraucher*innen benannt. Diese Entwicklungen setzen die regionale Ernährungswirtschaft – ein wichtiges Standbein ländlicher Räume – seit Jahrzehnten zunehmend unter Druck.

Podiumsdiskussion „Kommunale Instrumente für lokal-regionale Vernetzungs- und Versorgungsstrukturen” 

Teilnehmende der Podiumsdiskussion waren:
Marc Elxnat, Deutscher Städte- und Gemeindebund
Wolfgang Gröll, Bundesverband der Bürger- und Dorfläden in Deutschland e.V.
Dorothee Gangnus, Stadt Dortmund
Dr. Darya Hirsch, Bundesstadt Bonn
Prof. Dr. Arnim Wiek, Universität Freiburg

In vielen deutschen Kommunen gewinnt das Thema Ernährung an Bedeutung, weil es als Querschnittsthema viele verschiedene Mehrwerte mit sich bringt – von der Stärkung regionaler Wirtschaft, über Gesundheitsvorsorge und sozialer Teilhabe bis hin zu Klima- und Biodiversitätsschutz. Dezentrale, lokal-regionale Vernetzungs- und Versorgungsstrukturen sind nicht nur für den Erhalt und die Förderung regionaler Betriebe der Ernährungswirtschaft zentral, sondern erhöhen auch die Krisenfestigkeit der städtischen Versorgung mit Lebensmitteln.

Da Ernährung jedoch bislang nicht zur kommunalen Daseinsvorsorge zählt und keine Pflichtaufgabe für Kommunen ist, haben derzeit nur vereinzelte Kommunen, oft in zeitlich begrenzten Projekten, die Ressourcen und Kapazitäten, lokal-regionale Vernetzungs- und Versorgungsstrukturen zu gestalten. Für eine flächendeckende, gelingende Umsetzung braucht es dauerhafte Strukturen und finanzielle Mittel. Die Gemeinschaftsverpflegung stellt ein wichtiges kommunales Handlungsfeld dar, um zum einen eine stabile Nachfrage nach bio-regionalen Lebensmitteln zu erzeugen und zum anderen das Angebot an gesundheitsfördernder, zukunftsfähiger Ernährung in Städten zu stärken. Mit einer zunehmenden Ganztagsbetreuung in Kitas und Schulen spielt die Mittagsverpflegung in Einrichtungen eine zentrale Rolle im Alltag vieler Familien und Kinder. Um diese Aufgabe zu erfüllen, fehlt es in den meisten Kommunen jedoch an koordinierendem Personal und einer gut abgestimmten Zusammenarbeit mit Bund und Ländern. Erfahrungen von Beratungen der Gemeinschaftsverpflegung zeigen, dass eine Umstellung auf bio-regionale Beschaffung in vielen Bereichen budgetneutral möglich ist, jedoch immer eine Anschubfinanzierung für die Beratung notwendig ist.

Weitere Punkte, die die Speaker*innen als zentral nannten, waren:

  • Einführung und Umsetzung sowie Monitoring verbindlicher Qualitätsstandards in der Gemeinschaftsverpflegung, z.B. DGE-Zertifizierung, Mindest-Bio-Anteile, verbindliche Beschaffungskriterien für regional-saisonale Lebensmittel 
  • Kommunikation, Information und Bildung: zielgruppenorientierte Darstellung der individuellen und gesellschaftlichen Mehrwerte, u.a. mittel- bis langfristige Einsparung von Gesundheits- und Umweltfolgekosten
  • Wertschöpfungskettenmanagement, um regionales Lebensmittel-Angebot und kommunale Nachfrage zu matchen und fehlende Logistik- und Verarbeitungsstrukturen aufzubauen
  • Anerkennung der zentralen Rolle von Kommunen bei der Umsetzung von Ernährungspolitik, auch im Hinblick auf die notwendige finanzielle Ausstattung von Kommunen

Vor und nach der Podiumsdiskussion stellten sich blockweise Projekte zu regionaler Ernährung vor. Darunter:

  • Fairkostbar – ein genossenschaftlicher 24/7 Einkaufsort mit angebundener Bildungsarbeit
  • Regiosaft2 – Regionale Fruchtwertschöpfung durch innovative Verarbeitung und soziale Einbindung
  • Stadt Land Küche / Speiseräume
  • Jena/Thüringen Unterrichtsmaterialien nach DEGE Standards
  • Neue Wege – Foodhub / Warenbörse
  • Gustogourmet – Ganztierverarbeitung
  • Micro Landwirtschaft in Mannheim – Gemeinschaftsacker
  • SEI – Servicestelle für Ernährungsinitiativen in Hessen
  • Kantinenprogramm NRW – Verbraucherzentrentrale NRW
  • Uni Göttingen – regionale Biokisten in Kitas
  • EAT – Ernährungsrat Oldenburg
  • Reallabor Essbarer Campus – TU Berlin

Fachaustausch “Vom Acker in die Kantine – Regionales in die Gemeinschaftsverpflegung bringen und lokale Begegnungsräume schaffen”
Frau Dr. Beatrice Tobisch (Deutsche Vernetzungsstelle ländliche Räume) moderierte das Gespräch mit Daniela Schmid (Stadt München), Judith Mayer (Ernährungsrat Köln, KIRA-Projekt) und Ilona Berg (Vernetzungsstelle Seniorenernährung Hessen).

München ist im Bereich der Ausschreibung für Bio-regionale Lebensmittel für die städtische Außer-Haus-Versorgung schon sehr weit. Es gibt hier bereits den Ratsbeschluss für 60% Bio, ausgeschrieben wird mit dem Beisatz “möglichst regional”, dieses wird in der Vergabe durch das “Bayern Biosiegel” formuliert. Hierdurch wird auch eine möglichst hohe Saisonalität in Kombination mit Bio erreicht.

Judith Mayer verdeutlichte die nicht eindeutig geklärte Definition des Begriffes REGIONAL. Wie weit muss die Region gefasst werden, um die Metropole zu versorgen? In Köln wurde mit der Digitalisierung des regionalen Versorgungsnetzwerkes gestartet, um eine effektive Bündelung der regionalen Produkte erzielen zu können. Der Fokus liegt auf nicht-ausschreibungspflichtigen Mensen und Betriebskantinen, da hier eine Erhöhung des regionalen Bio-Anteils schneller umsetzbar ist. Über den Aufbau einer Mikrologistik soll die Direktvermarktung zwischen Küchen und Landwirtschaft gestärkt werden.

Aus Freiburg wurde berichtet, dass es bereits 7 bis 8 verschiedene Logistikplattformen gibt, um regionale Produkte in die AHV zu bringen. Keine dieser Plattformen wird vollumfänglich angenommen (Zitat:”keine….funktionert so richtig”)

Insgesamt zeigte sich, wie wichtig konkrete politische Ziele für eine bio-regionale Lebensmittelversorgung in Kommunen und Rahmenbedingungen, die eine Umsetzung in Kommunen ermöglichen, sind. Um eine regionale Ernährungswirtschaft durch die Beschaffung in Kantinen ernsthaft zu stärken, müssen Kommunen für ihren Kontext angepasst den Regionalbegriff definieren. Ansonsten besteht die Gefahr, dass weiterhin von den überregionalen Grossisten eingekauft wird, die es den Küchen in allen Abläufen sehr bequem machen. Gleichzeitig muss daran gearbeitet werden, ein mindestens gleich gutes regionales Gegenangebot zu den einfachen, etablierten, funktionierenden Strukturen zu schaffen, damit die regionale Beschaffung angenommen wird.

Beim Deutschen Ernährungsrat wurde deutlich, wie zentral regionale Ernährung für  wirtschaftliche und soziale Strukturen ist. Kommunen sind die zentrale Umsetzungsebene, um lokal-regionale Vernetzungs- und Versorgungsstrukturen zu stärken. Auf der kommunalen Ebene liegen viele noch ungenutzte Mehrwerte, die nur dann genutzt werden können, wenn ausreichend Personal und finanzielle Mittel für die Aufgaben zur Verfügung stehen.